Kultureller Austausch in der Jugendbegegnungsstätte

Nun ist unser Projekt fast vorbei, die 14 Tage vergingen wie im Flug und wir würden liebend gerne noch einmal zwei Wochen dranhängen. Leider geht das aber nicht, da wir alle Verpflichtungen in Berlin haben und wir reisen nun mit einer Träne im Auge aus diesem wunderbaren Dorf ab.

Trotz unserer Vortreffen und all den Erzählungen, fuhren wir eher ohne eine richtige Vorstellung, was uns erwarten würde, nach Fântânele. Die einen hatten Bücher über Roma gelesen, die anderen Filme geschaut oder im Internet recherchiert. Natürlich gab es Klischeebilder, mit denen wir gerechnet haben, einige von uns hatten eine mystisch romantisierte Erwartung eines Lebens mit viel Tanz und Musik. Das sind natürlich alles nur Erwartungen, die wie so oft im Leben, nicht eingetreten sind.

Fântânele ist ein Dorf, welches uns herzlichst empfangen hat und das auch weiterhin tun wird. Da das Leben hier auf den Straßen stattfindet, die Menschen, wie es uns von unseren Reisen in den Süden Europas bekannt ist, vor ihren Häusern auf Stühlen sitzen, kam der Kontakt zu den Bewohnern sehr schnell. Jeden Morgen etwa gingen wir zum kleinen Markt „piata“, quatschten mit immer denselben Verkäufern, trafen dieselben Leute, lachten, lernten uns kennen und respektieren.

Wir trafen Leute wie Ruben, unseren Nachbarn, der jeden Tag etwas offener wurde, uns stets mit einer helfenden Hand zur Seite stand, bei jeder Gelegenheit ein Witzchen riss, uns zu sich nach Hause einlud und als dann endlich auch mal Fleisch bei uns auf den Tisch kam, sich sogar zum Essen einladen ließ.

Wir trafen „Mama“, eine andere Nachbarin, die uns zum Krapfen machen einlud und uns in die Kunst des Rouladenwickelns einweihte. Außerdem erzählte sie uns Geschichten aus ihrem Leben und aus dem Dorf.

Wir trafen Mihai, der jeden Morgen die Mirabellen vom Hof fegte, mit uns nach Buftea zum Einkaufen fuhr, dessen Schweine und Schafe wir streicheln durften und der uns immer helfend zur Seite stand.

Wir trafen Oscar, der in der Jugendbildungsstätte das Plastikprojekt betreibt. Da er schon drei Monate hier wohnt, war er für uns ein sehr guter Ansprechpartner und Freund, der uns viel über das Dorf erzählen konnte und dieselben Sprachbarrieren wie wir zu überwinden hatte.

Auch die Kinder lernten wir lieben. Zum Beispiel unseren Nachbarsjungen Benni, der allzu oft die Rolle des Dolmetschers übernehmen musste und uns half, ob es nun um eine Luftpumpe, einen Fußball oder den Weg zum See ging. Oder die Schwestern Mâdâlina und Deborah, die gleich nebenan wohnten, jeden Morgen als erstes an unser Tor klopften, uns mit Spaß, Gesang und Ausgelassenheit beglückten und mit deren Mutter wir am Feuer Maiskolben grillten. Alex, der Junge von gegenüber, sprühte seinem Opa ein Graffiti Bild an die Hauswand. Er spielte mit uns Schach, ließ uns auf seinem Pferd reiten und nicht selten nahm er uns auf den Arm. Wir haben sie alle lieben gelernt und werden nicht umhin kommen sie sehr zu vermissen.

Entgegengesetzt einiger Erwartungen, ist das Dorf eine Gemeinschaft, die sehr stark zusammenzuhalten scheint. Aus unserem Kontakt zu den Kindern und zu einigen Dorfbewohnern haben wir gelernt, dass es sich keineswegs um eine in sich geschlossene Gemeinschaft handelt. Wir stießen weder auf Misstrauen noch auf Desinteresse, sondern auf Neugierde, Offenheit und Hilfsbereitschaft. Wir freuten uns über die Ehrlichkeit der Dorfbewohner, die sich zum Beispiel beim Einkaufen auf dem Markt äußerte. Als wir am ersten Abend eintrafen und von den zehn mitgebrachten Fahrrädern im Chaos der Ankunft nur 2 mit uns im Haus ankamen, wurden uns über den Abend verteilt alle restlichen Fahrräder gebracht, bis wir am Ende sogar eins zu viel hatten. In den nächsten Tagen halfen uns die Dorfbewohner auch, diese zu reparieren. Während unseres Aufenthalts wurden wir im Dorf wie Ehrengäste behandelt und vor allem gut bekocht.

Interessant war zu sehen, dass wir in einem Dorf in Rumänien auf diverse Sprachen trafen. Die meisten Bewohner sind sehr bereist und haben in vielen Ländern, von Portugal, Spanien und Frankreich über Österreich und Deutschland bis Griechenland und Italien gelebt.

Auffällig waren die sozialen Strukturen im Dorf. Selbstverständliche Begrüßungen sowie zufällige Gespräche an Straßenrändern unterstrichen für uns den starken Gegensatz zum Großstadtalltag. Leider machte sich auch eine ausgeprägte Hierarchie, die schon teilweise bei den Kindern zu spüren war, bemerkbar.

Was einigen unserer Erwartungen widersprach, war, dass der kulturelle Austausch um eine Generation verschoben war. Wir, als junge Erwachsene, verbrachten unsere Zeit vor allem mit Kindern und nicht mit Gleichaltrigen. Es war schwer den Kontakt zu den Letzteren herzustellen, da viele von ihnen schon verheiratet sind und Kinder haben. Daher unterschied sich der Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Fântânele stark von unserem. Auch die Rolle von Frauen in Fântânele und von Frauen in Berlin ist sehr unterschiedlich. Es herrscht eine traditionelle Rollenverteilung, bei der die Aufgaben von Männern und Frauen klar voneinander getrennt sind. Im Gegensatz zu den Männern waren die Frauen in unserem Alter weniger auf der Straße zu sehen.

Wir genossen die große Freiheit und Verantwortung, die uns die Projektleitung entgegenbrachte. So wurde uns ein Platz gegeben, in dem wir uns gemeinsam mit den Kindern entfalten konnten. Allerdings mussten wir lernen, uns sowie den Kindern Grenzen zu setzen und die Zeit mit ihnen mehr zu strukturieren, was uns mal mehr und mal weniger gelang.

Die Plastikwerkstatt auf dem Gelände bot eine Möglichkeit unsere Kreativität weiterhin auszuleben. Die Einwohner des Dorfes können dort ihren Plastikmüll abgeben und für eine bestimmte Anzahl von Säcken einen aus diesem Müll angefertigten Kinderstuhl erhalten. Wenn Oskar weg ist, wird sein Mitarbeiter Sorin die Werkstatt übernehmen. Die Zusammenarbeit der Jugendbildungstätte und der Recyclingwerkstatt fördert Soziales und Kreatives und bietet ein sehr großes Potenzial.

Außerdem möchten wir Benjamin Marx unseren Dank aussprechen, ohne den dieser Kulturaustausch nicht hätte realisiert werden können.

Das Projekt muss unserer Meinung nach auf jeden Fall weiterhin bestehen. Wir denken, dass unsere Altersgruppe sich für dieses Projekt gut eignet. Wichtig dabei ist, dass die nächste Gruppe vor Reiseantritt mit uns Kontakt aufnimmt, um an unsere Erfahrungen anknüpfen zu können und den persönlichen Bezug zum Dorf vertiefen kann.
Auch die Nutzung des Hauses als Ferienwohnung für Familien wäre vorstellbar. So könnte über die Kinder der Kontakt zu den Erwachsenen im Dorf gefördert werden. Die Menschen, die Fântânele besuchen, sollten Engagement und Offenheit zeigen können. Das Projekt eignet sich für Pädagogen und Künstler, für Studenten und alle anderen Interessierten, denen wir wünschen, dass sie hier, ebenso wie wir, eine schöne und bereichernde Zeit erleben können.

gemeinsame Wandmalerei





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