Fântânele und Pfingstler

Nachdem wir uns mit dem gemeinsamen Frühstück ernährt haben, für das wir wie jeden Morgen bei der als Dorfmarktplatz funktionierenden Straßenkreuzung einkaufen, sind wir bereit der brennenden Hitze die Stirn zu bieten. Vom Schweiß glänzend beginnen wir, den übergebliebenen Fahrradschrott in der Hoffnung zu verwerten, noch ein zwei mehr oder weniger fahrtüchtige Exemplare zusammenkramen zu können.

Als Mihai und die Nachbarn unseren experimentierfreudigen Versuch sehen, einen fehlenden Lenker durch einen in das Fahrrad reingehämmerten, verzweigten Ast zu ersetzen, greifen sie schlapplachend auch an die Werkzeuge. Schließlich stehen vor uns noch zwei reitbare Metallgebräue, wobei wir bereit sind, in den nächsten etwas größeren Ort, Buftea, zu fahren. Der Auftrag ist, in das Haus Internet zu bringen.

Wir drängeln uns in Mihais Wagen und zischen Fenster geöffnet durch das Dorf los, wir antworten auf die Schreie der auf der Straße spielenden Kinderschwärme und winken den bei jedem Haustor sitzenden Alten zurück zu. Einmal durch die Sonnenblumenfelder gefahren, kommen wir an der größeren Landstraße an, wo ebenso wie im Dorf Pferdekutschen ruhigen Schrittes Heu, Erde und Gemüse transportieren – wir umfahren sie und erreichen schnell unser Ziel.

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Mihai lacht das Öko-Rad aus.

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In dem schnupfenverursachend klimatisierten Internetladen, wo Rumänische Kinder ihre Ersthandys in die Hand bekommen, bedient die Kassiererin gleichzeitig zwei Kunden. Es dauert eine Weile – also holen wir aus dem nebenanliegenden Kiosk zum Knabbern lokales Süßgebäck, das unbeirrbar nach Lebkuchen schmeckt.

Das Stück Internet in der Hand marschieren wir zum bufteaer Piața, um bei dem schon bekannten Honighändler noch einige Gläser von diesem lieblichen Zaubernektar anzuschaffen. Noch Wandfarbe für das sonntägige Zaunmalen und wir sind rückfahrbereit.

Beim Haustor erfahren wir, dass inzwischen Herr Marx, der Initiator des Projektes Harzer Straße 65, nach Rumänien geflogen ist.

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Wir haben von Oskar gehört, dass Fântânele einstmals ein Musikerdorf war. Da die Dorfbewohner sich der Musik widmeten, Handwerker und Lebensmittel von außen geholt wurden. Von dieser Tradition sei unter anderem wegen finanzieller Knappheit nur wenig erhalten – außer in der Kirche.

Kirche funktioniert hier heutzutage als ein Ort, wo Menschen Musik sowohl hören als auch lernen können: einer der Gründe warum die Pfingstbewegung (Biserica Penticostală) in Fântânele solch eine große Rolle spielt. Vor einigen Jahren hat die rumänisch-orthodoxe Kirche das Dorf verlassen, und nun veranstalten die zwei Pfingstlerkirchen wöchentlich mehrere musikerfüllte Gottesdienste, die natürlich unsere Neugier erwecken.

Es ist schwer, die Tage und Uhrzeiten der Dienste herauszufinden, da alle uns Unterschiedliches erzählen. Außerdem verwundert uns der Sittenkodex, was das Aussehen angeht. Pfingstler haben nicht nur im Gottesdienst strikte Verhaltensregeln, sondern die Religion prägt das ganze Leben im Dorf. Die Pfingstler und damit ganz Fântânele, da sie die Überwiegende Mehrheit bilden, konsumieren weder Alkohol noch Tabak, tragen keine Ohrringe, und Tanzen nicht. So war es uns klar, dass es sein könnte, dass ein Gottesdienst auch bestimmte Regeln haben könnte. Sollte man das Nasenpiercing mit einem Pflaster bedecken? Darf man in Strandlatschen hineinspazieren? Dabei helfen uns die Kinder nicht, von denen wir das Gefühl bekamen, dass sie uns willkürliche Hinweise geben und uns auslachen.

Die Kirche ist ein holzverkleideter Saal im gewöhnlich aussehenden Haus, um zwei Ecken von dem unseren. Mit Mihai setzen wir uns in die Mitte des Raumes, in dem, wie so oft in Fântânele, eine klare Geschlechtertrennung wahrzunehmen ist – Männer vorne, Frauen hinten. Die Sitze beiderseits des Ganges sind von altem Kaugummi bedeckt. Wir sehen uns um und tatsächlich, die Kinder hinter uns sind gerade dabei, ein frisches Stückchen von der klebrigen Masse hinzuzufügen.

Gemächlich füllt sich der Saal mit Menschen jedes Alters, während die vorne auf der kleinen Bühne gesammelten Musiker vorbereiten, Akkordeon, Geige und ein E-Klavier, das als eine Art Synth-Organon benutzt wird. Wir erkennen auch viele Gesichter aus der Nachbarschaft. Hinter den Musikern bedeckt die Wand ein großes Altargemälde: eine prächtige aussehende Gebirgslandschaft mit einem Wasserfall, über denen eine weiße Taube lächelnd fliegt, so als ob sie aus dem Bild herausfliegen möchte.

Die Pfingstler sind bekannt für die charismatischen Redner und leidenschaftlichen Prediger, in denen Menschen vom heiligen Geist durchdrungen umkippen, „halleluja“ und „amen“ rufen und spontan weinend über Erhellungserlebnisse berichten.

Davon ist etwas auch in Fântânele zu spüren. Der Dienst beginnt mit einem Synth-Comping, das an die 80er Jahre erinnert. Der Geiger, ein in Berlin wohnender 17-Jähriger begabter Rom schließt sich an, und der Sänger greift zum Mikrophon: was daraus folgt ist wie eine Mischung italienischer Balladen und türkischer Volksmusik. Alte bekannte Melodien und ein sehr warmer Klang. Die Melodien der Geige erinnern auch etwas an Jazzphrasen. Daraufhin wechseln sich flüssig Predigte und Gesang ab. Immer wieder treten neue Männer aus der ersten Bankreihe zum Pult um mit ihrem Teil der Veranstaltung beizutragen.

Manche Redner sind wirklich fesselnd. Mit ihren wellenartig im Raum schallenden Stimmen, von Akkordeon begleitet, berühren sie im innersten der Zuhörer tiefe Saiten. Obgleich ich den Inhalt der Reden bis auf einzelne Wörter und kurze Sprüche nicht verstehe, bin ich ebenso mitgerissen wie die weinenden Männer vor uns. Die meisten Frauen und Kinder hingegen scheinen emotional viel weniger beteiligt zu sein.

Da ich von der Rede wenig verstehe, versetzt die Situation mich in die Rolle der Kinder im Dorf. Wie unterschiedlich sind die Lebensverhältnisse der Kinder auf der Welt. Ich sehe vor uns zwei ältere Frauen in ihren 70ern, hinter uns höre ich zwei fünfjährige Kinder kichern – es ist ein Gefühl von „Fremdnostalgie“ – wie werden wohl die Kinder an das Leben im Dorf, an die Gottesdienste denken wenn sie 70 Jahre alt sind?

Von diesem Erlebnis animiert kehren wir zu den Anderen zurück, die inzwischen ein Lagerfeuer für den Abend angezündet haben.

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