Kultureller Austausch in der Jugendbegegnungsstätte

Nun ist unser Projekt fast vorbei, die 14 Tage vergingen wie im Flug und wir würden liebend gerne noch einmal zwei Wochen dranhängen. Leider geht das aber nicht, da wir alle Verpflichtungen in Berlin haben und wir reisen nun mit einer Träne im Auge aus diesem wunderbaren Dorf ab.

Trotz unserer Vortreffen und all den Erzählungen, fuhren wir eher ohne eine richtige Vorstellung, was uns erwarten würde, nach Fântânele. Die einen hatten Bücher über Roma gelesen, die anderen Filme geschaut oder im Internet recherchiert. Natürlich gab es Klischeebilder, mit denen wir gerechnet haben, einige von uns hatten eine mystisch romantisierte Erwartung eines Lebens mit viel Tanz und Musik. Das sind natürlich alles nur Erwartungen, die wie so oft im Leben, nicht eingetreten sind.

Fântânele ist ein Dorf, welches uns herzlichst empfangen hat und das auch weiterhin tun wird. Da das Leben hier auf den Straßen stattfindet, die Menschen, wie es uns von unseren Reisen in den Süden Europas bekannt ist, vor ihren Häusern auf Stühlen sitzen, kam der Kontakt zu den Bewohnern sehr schnell. Jeden Morgen etwa gingen wir zum kleinen Markt „piata“, quatschten mit immer denselben Verkäufern, trafen dieselben Leute, lachten, lernten uns kennen und respektieren.

Wir trafen Leute wie Ruben, unseren Nachbarn, der jeden Tag etwas offener wurde, uns stets mit einer helfenden Hand zur Seite stand, bei jeder Gelegenheit ein Witzchen riss, uns zu sich nach Hause einlud und als dann endlich auch mal Fleisch bei uns auf den Tisch kam, sich sogar zum Essen einladen ließ.

Wir trafen „Mama“, eine andere Nachbarin, die uns zum Krapfen machen einlud und uns in die Kunst des Rouladenwickelns einweihte. Außerdem erzählte sie uns Geschichten aus ihrem Leben und aus dem Dorf.

Wir trafen Mihai, der jeden Morgen die Mirabellen vom Hof fegte, mit uns nach Buftea zum Einkaufen fuhr, dessen Schweine und Schafe wir streicheln durften und der uns immer helfend zur Seite stand.

Wir trafen Oscar, der in der Jugendbildungsstätte das Plastikprojekt betreibt. Da er schon drei Monate hier wohnt, war er für uns ein sehr guter Ansprechpartner und Freund, der uns viel über das Dorf erzählen konnte und dieselben Sprachbarrieren wie wir zu überwinden hatte.

Auch die Kinder lernten wir lieben. Zum Beispiel unseren Nachbarsjungen Benni, der allzu oft die Rolle des Dolmetschers übernehmen musste und uns half, ob es nun um eine Luftpumpe, einen Fußball oder den Weg zum See ging. Oder die Schwestern Mâdâlina und Deborah, die gleich nebenan wohnten, jeden Morgen als erstes an unser Tor klopften, uns mit Spaß, Gesang und Ausgelassenheit beglückten und mit deren Mutter wir am Feuer Maiskolben grillten. Alex, der Junge von gegenüber, sprühte seinem Opa ein Graffiti Bild an die Hauswand. Er spielte mit uns Schach, ließ uns auf seinem Pferd reiten und nicht selten nahm er uns auf den Arm. Wir haben sie alle lieben gelernt und werden nicht umhin kommen sie sehr zu vermissen.

Entgegengesetzt einiger Erwartungen, ist das Dorf eine Gemeinschaft, die sehr stark zusammenzuhalten scheint. Aus unserem Kontakt zu den Kindern und zu einigen Dorfbewohnern haben wir gelernt, dass es sich keineswegs um eine in sich geschlossene Gemeinschaft handelt. Wir stießen weder auf Misstrauen noch auf Desinteresse, sondern auf Neugierde, Offenheit und Hilfsbereitschaft. Wir freuten uns über die Ehrlichkeit der Dorfbewohner, die sich zum Beispiel beim Einkaufen auf dem Markt äußerte. Als wir am ersten Abend eintrafen und von den zehn mitgebrachten Fahrrädern im Chaos der Ankunft nur 2 mit uns im Haus ankamen, wurden uns über den Abend verteilt alle restlichen Fahrräder gebracht, bis wir am Ende sogar eins zu viel hatten. In den nächsten Tagen halfen uns die Dorfbewohner auch, diese zu reparieren. Während unseres Aufenthalts wurden wir im Dorf wie Ehrengäste behandelt und vor allem gut bekocht.

Interessant war zu sehen, dass wir in einem Dorf in Rumänien auf diverse Sprachen trafen. Die meisten Bewohner sind sehr bereist und haben in vielen Ländern, von Portugal, Spanien und Frankreich über Österreich und Deutschland bis Griechenland und Italien gelebt.

Auffällig waren die sozialen Strukturen im Dorf. Selbstverständliche Begrüßungen sowie zufällige Gespräche an Straßenrändern unterstrichen für uns den starken Gegensatz zum Großstadtalltag. Leider machte sich auch eine ausgeprägte Hierarchie, die schon teilweise bei den Kindern zu spüren war, bemerkbar.

Was einigen unserer Erwartungen widersprach, war, dass der kulturelle Austausch um eine Generation verschoben war. Wir, als junge Erwachsene, verbrachten unsere Zeit vor allem mit Kindern und nicht mit Gleichaltrigen. Es war schwer den Kontakt zu den Letzteren herzustellen, da viele von ihnen schon verheiratet sind und Kinder haben. Daher unterschied sich der Alltag von Jugendlichen und jungen Erwachsenen in Fântânele stark von unserem. Auch die Rolle von Frauen in Fântânele und von Frauen in Berlin ist sehr unterschiedlich. Es herrscht eine traditionelle Rollenverteilung, bei der die Aufgaben von Männern und Frauen klar voneinander getrennt sind. Im Gegensatz zu den Männern waren die Frauen in unserem Alter weniger auf der Straße zu sehen.

Wir genossen die große Freiheit und Verantwortung, die uns die Projektleitung entgegenbrachte. So wurde uns ein Platz gegeben, in dem wir uns gemeinsam mit den Kindern entfalten konnten. Allerdings mussten wir lernen, uns sowie den Kindern Grenzen zu setzen und die Zeit mit ihnen mehr zu strukturieren, was uns mal mehr und mal weniger gelang.

Die Plastikwerkstatt auf dem Gelände bot eine Möglichkeit unsere Kreativität weiterhin auszuleben. Die Einwohner des Dorfes können dort ihren Plastikmüll abgeben und für eine bestimmte Anzahl von Säcken einen aus diesem Müll angefertigten Kinderstuhl erhalten. Wenn Oskar weg ist, wird sein Mitarbeiter Sorin die Werkstatt übernehmen. Die Zusammenarbeit der Jugendbildungstätte und der Recyclingwerkstatt fördert Soziales und Kreatives und bietet ein sehr großes Potenzial.

Außerdem möchten wir Benjamin Marx unseren Dank aussprechen, ohne den dieser Kulturaustausch nicht hätte realisiert werden können.

Das Projekt muss unserer Meinung nach auf jeden Fall weiterhin bestehen. Wir denken, dass unsere Altersgruppe sich für dieses Projekt gut eignet. Wichtig dabei ist, dass die nächste Gruppe vor Reiseantritt mit uns Kontakt aufnimmt, um an unsere Erfahrungen anknüpfen zu können und den persönlichen Bezug zum Dorf vertiefen kann.
Auch die Nutzung des Hauses als Ferienwohnung für Familien wäre vorstellbar. So könnte über die Kinder der Kontakt zu den Erwachsenen im Dorf gefördert werden. Die Menschen, die Fântânele besuchen, sollten Engagement und Offenheit zeigen können. Das Projekt eignet sich für Pädagogen und Künstler, für Studenten und alle anderen Interessierten, denen wir wünschen, dass sie hier, ebenso wie wir, eine schöne und bereichernde Zeit erleben können.

gemeinsame Wandmalerei





Oscar

„Oscaar, Oscaar“ schreit am Morgen ein kleines Kind lächelnd vor dem Tor. Unsere Augen öffnen sich schläfrig. Ob Oscar, der in dem Haus wohnt, in dem wir zu Gast sind und Kunst aus Plastikmüll fabriziert, wohl schon wach ist?

„Oscar Boss, Oscar Boss“ hören wir vor dem Frühstück, wenn Mihai den Hof betritt und die Mirabellen vom Weg fegt. Ist er schon wach, schaut er uns fragend an. „Oscar Boss, a casa“ antworten wir nickend. Wenige Wörter genügen hier.

„Oscar, Oscar“ kreischen die Kinder wenn sie spielend über die Wiese rennen, mit den Jonglierbällen Weitwurf üben und dem Diabolostab Springseil springen.

„Oscar Boss, Oscar Boss“ ruft der Nachbar, wenn er das Grundstück betritt und uns etwas auf dem Akkordeon vorspielt.

„Oscar Boss, Professor de Plastico“ sagt der andere Nachbar, wenn er kommt um uns am Lagerfeuer Gesellschaft zu leisten, sagt er jedesmal wenn er Oscar etwas fragt, oder etwas über Ihn erzählt.

„Oscar Professor Boss“ scherzt er wenn Oscar Holz hackt und das Feuer anzündet.

„Oscar, maestro!“ schreit der alte Mann von der anderen Straßenseite, wenn er abends mit dem großen Essenstopf vor der Tür steht, den er uns schenken will.

„Oscar, Oscar“ schreit die alte Frau, wenn wir mit dem Fahrrad vom See zurückkehren und auf der schattigen Straße Richtung „zu Hause“ fahren.

„Oscar“ rufen wir, wenn wir wissen wollen, ob er Kaffee will, ob er mitisst, oder wo die Farben sind.

„Oscaaaar“ rufen wir, wenn wir nach Bukarest aufbrechen und den Bus bekommen wollen.

Doch was macht Oscar eigentlich?

Ein Lager voller Kunststoffmüll . Eine Werkstatt in der das Plastik unter Heizplatten gepresst wird und Müll zu Kunst verschmilzt. Es entstehen Kinderstühle, riesige Lampen, Papierkörbe und weitere Gegenstände. Dieser entzückend sympathische Mexikaner und das von ihm in Fântânele geleitete Projekt „soziales Plastik“ haben mit uns in der Bildungsstätte ein Zuhause gefunden und sind für die ganze Nachbarschaft vertraut und wichtig geworden.

 
Ruben und Oscar Boss

Ist das Kunst oder kann das weg?

Ist das Kunst oder kann das weg?

Nicht selten fliegt er aus fahrenden Autos die Böschung entlang und trifft dort auf Kumpanen.
Nicht selten fläzt er sich im Park, sonnt sich neben Bänken, kriecht in die Untergründe der Stadt.
Nicht selten schwimmt er im Meer, treibt dort vor sich her.
Er beißt sich in mein Pausenbrot, haftet an meinem Becher, umgarnt selbst den schönsten Strauß.

Ich spreche vom Müll, dem gierigen Vielfraß. Unersättlich. Er will mehr, immer mehr.

Nicht selten begegnet man ihr auf der Straße. Sie schlägt Pirouetten und strahlt stark geschminkt.
Nicht selten ist sie steinalt, weise und erfahren. Sie wird bestaunt, erweckt Faszination und Glück.
Nicht selten vereint sie, schlichtet Streit und tätschelt einem den Kopf.
Sie bringt uns voran, sucht nach Neuem, ist hier, ist da, ist überall!

Ich spreche von der Kunst, der endlosen Kreativität und treibenden Kraft unserer Kulturen.

Was vereint diese beiden? Mit jedem Schritt, den wir gehen, schaukeln sie wie Engelchen und Teufelchen auf unseren Schultern. Sie stammen aus derselben Familie, sind Produkt des Menschen.
In einer Familie sollte man sich lieben und respektieren.
Mal gibt es Krach und es knallt. Mal ist man sauer und meidet einander. Aber Blut ist dicker als Plastik.

Ich, der Mensch, möchte, dass ihr euch wieder vertragt und voneinander lernt.
„Müll, bring der Kunst bei für jeden da zu sein. ‘‘
„Kunst, bring dem Müll bei Verantwortung zu übernehmen.“
Das alles geht nicht ohne mich, soviel ist klar. Ja, es wird schwer, aber wir haben ein Ziel.
Lass uns die alten Provokationen und Streitigkeiten begraben.
Wir tun es aus Ehre ihr gegenüber. Wir tun es für die, die uns das Leben schenkte:
Mutter Natur.

Das Fest

Samstagmorgen werden wir früh aus den Betten geholt, da bereits ein paar Damen vor der Tür warten. Sie wollen kochen und aufräumen, alles für das Fest vorbereiten. Von ihrer Hektik lassen wir uns allerdings nicht anstecken und genießen ein weiteres Mal ein ausgiebiges Frühstück. Auch Herr Marx, Anna und die Familie Gröger treffen ein.
Keine Panik, die 15 Kilo Fleisch und etwa 30 Kilo Gemüse werden schon noch rechtzeitig fertig werden. Die Frauen belagern die Küche, putzen unsere Töpfe doppelt und treiben uns auf Romanesk zum aufräumen an. Es wird Kaffee gekocht, an diesem Tag werden noch ganze 5 Packungen des schwarzen Goldes verbraucht werden. Er wird süß getrunken, sehr süß, zu süß. Bloß nicht noch zuckern, sonst kann man ihn als Soße zum Eis essen. So jetzt aber schnell die Zimmer aufräumen, denn der Staatssekretär kommt bald. Die einen räumen auf, die anderen schnippeln. Töpfe werden angekarrt, Feuer wird gemacht und Kohl herangeschafft, er riecht leicht streng. Das Fleisch wird gewürzt und zwei Mädchen von uns zum Rouladenmachen gerufen – die Männer müssen sich wiederum mit Federball begnügen. Wir kommen mit offenen Haaren und ungewaschenen Händen. Haare zu und Hände waschen! Die Roma-Frauen sind sehr bestimmt und dabei doppelt so herzlich. „Die haben richtig was hinter den Ohren“ ist unser Eindruck und der stimmt auch. Die Rouladen sind kleiner als die deutschen und werden zu tausenden in einem großen Topf überm Feuer gekocht.
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Der Hof sieht mittlerweile sehr gut aus und das Essen verströmt einen wunderbaren Duft. Schnell noch die Gurken schälen! Auch über die Sprachbarriere hinweg wird beim schnippeln sehr viel gelacht. Wir lernen Wörter wie Läusekopf und nennen unsere Nachbarin liebevoll „Mama“. Die Kinder sind natürlich auch da, was sonst? Alle packen mit an und die ersten Musiker kommen an. Ein Akkordeon, der uns bekannte Geiger, der Pianist aus der Kirche – Alle sind da. Die Grillschwaden wabern durch das Dorf und locken die Bewohner zu uns herein. Der Hof füllt sich langsam, die Plastikwerkstatt steht schön angerichtet da. Die bunten Mülleimer und Kinderstühle zieren den Raum, in dem Oscar, wie jeden Tag, seines Amtes waltet und aus Plastikmüll wunderbare Dinge fabriziert. Ohne dass wir es so richtig merken trifft schließlich auch der Staatssekretär ein und die Musik geht los. Die Klänge sind genauso ergreifend wie den Abend davor in der Kirche. Das Können dieser Musiker ist beeindruckend und wir horchen gebannt ihren Tönen.
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Eine kurze Ansprache später, wird auch die Europafahne gehisst, der Fahnenmast wurde am Morgen noch schnell aufgebaut. Freude, Fotos, Tränen – nun ist es ganz offiziell. Die europäische Jugendbildungsstätte ist eingeweiht. Viele Fotos werden geschossen, von uns, von den Anderen, von allen.
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Das Essen wird gereicht, es schmeckt vorzüglich, wie alles was hier im Dorf gekocht wird. „Kaffee, Kaffee!“. Kaffee, Speis und Trank; die Erwachsenen zuerst und dann die Kinder. Beim Kinderschminken werden wir fast überrannt und die ein oder andere Faust fliegt. Pädagogisch, wie wir sind, entwickeln wir die verschiedensten Anstellmodelle. Nummern verteilen, durchboxen oder auf der Bierbank in einer Reihe sitzen, alles funktioniert mehr oder weniger. „Spiderman, Lupo, Vampir, Prinzessin, Glitzer, ganz viel Glitzer“. Alle sind glücklich. Wir lauschen Marx, wie er uns die Geschichte der Harzer Straße 65 und des Projektes in Fântânele erzählt. Es ist sehr interessant, über die Hintergründe der Projekte zu hören und Fragen stellen zu können.
Langsam leert sich unser Garten und wir bemerken die Anstrengung des Tages in unseren Knochen.

Fântânele und Pfingstler

Nachdem wir uns mit dem gemeinsamen Frühstück ernährt haben, für das wir wie jeden Morgen bei der als Dorfmarktplatz funktionierenden Straßenkreuzung einkaufen, sind wir bereit der brennenden Hitze die Stirn zu bieten. Vom Schweiß glänzend beginnen wir, den übergebliebenen Fahrradschrott in der Hoffnung zu verwerten, noch ein zwei mehr oder weniger fahrtüchtige Exemplare zusammenkramen zu können.

Als Mihai und die Nachbarn unseren experimentierfreudigen Versuch sehen, einen fehlenden Lenker durch einen in das Fahrrad reingehämmerten, verzweigten Ast zu ersetzen, greifen sie schlapplachend auch an die Werkzeuge. Schließlich stehen vor uns noch zwei reitbare Metallgebräue, wobei wir bereit sind, in den nächsten etwas größeren Ort, Buftea, zu fahren. Der Auftrag ist, in das Haus Internet zu bringen.

Wir drängeln uns in Mihais Wagen und zischen Fenster geöffnet durch das Dorf los, wir antworten auf die Schreie der auf der Straße spielenden Kinderschwärme und winken den bei jedem Haustor sitzenden Alten zurück zu. Einmal durch die Sonnenblumenfelder gefahren, kommen wir an der größeren Landstraße an, wo ebenso wie im Dorf Pferdekutschen ruhigen Schrittes Heu, Erde und Gemüse transportieren – wir umfahren sie und erreichen schnell unser Ziel.

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Mihai lacht das Öko-Rad aus.

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In dem schnupfenverursachend klimatisierten Internetladen, wo Rumänische Kinder ihre Ersthandys in die Hand bekommen, bedient die Kassiererin gleichzeitig zwei Kunden. Es dauert eine Weile – also holen wir aus dem nebenanliegenden Kiosk zum Knabbern lokales Süßgebäck, das unbeirrbar nach Lebkuchen schmeckt.

Das Stück Internet in der Hand marschieren wir zum bufteaer Piața, um bei dem schon bekannten Honighändler noch einige Gläser von diesem lieblichen Zaubernektar anzuschaffen. Noch Wandfarbe für das sonntägige Zaunmalen und wir sind rückfahrbereit.

Beim Haustor erfahren wir, dass inzwischen Herr Marx, der Initiator des Projektes Harzer Straße 65, nach Rumänien geflogen ist.

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Wir haben von Oskar gehört, dass Fântânele einstmals ein Musikerdorf war. Da die Dorfbewohner sich der Musik widmeten, Handwerker und Lebensmittel von außen geholt wurden. Von dieser Tradition sei unter anderem wegen finanzieller Knappheit nur wenig erhalten – außer in der Kirche.

Kirche funktioniert hier heutzutage als ein Ort, wo Menschen Musik sowohl hören als auch lernen können: einer der Gründe warum die Pfingstbewegung (Biserica Penticostală) in Fântânele solch eine große Rolle spielt. Vor einigen Jahren hat die rumänisch-orthodoxe Kirche das Dorf verlassen, und nun veranstalten die zwei Pfingstlerkirchen wöchentlich mehrere musikerfüllte Gottesdienste, die natürlich unsere Neugier erwecken.

Es ist schwer, die Tage und Uhrzeiten der Dienste herauszufinden, da alle uns Unterschiedliches erzählen. Außerdem verwundert uns der Sittenkodex, was das Aussehen angeht. Pfingstler haben nicht nur im Gottesdienst strikte Verhaltensregeln, sondern die Religion prägt das ganze Leben im Dorf. Die Pfingstler und damit ganz Fântânele, da sie die Überwiegende Mehrheit bilden, konsumieren weder Alkohol noch Tabak, tragen keine Ohrringe, und Tanzen nicht. So war es uns klar, dass es sein könnte, dass ein Gottesdienst auch bestimmte Regeln haben könnte. Sollte man das Nasenpiercing mit einem Pflaster bedecken? Darf man in Strandlatschen hineinspazieren? Dabei helfen uns die Kinder nicht, von denen wir das Gefühl bekamen, dass sie uns willkürliche Hinweise geben und uns auslachen.

Die Kirche ist ein holzverkleideter Saal im gewöhnlich aussehenden Haus, um zwei Ecken von dem unseren. Mit Mihai setzen wir uns in die Mitte des Raumes, in dem, wie so oft in Fântânele, eine klare Geschlechtertrennung wahrzunehmen ist – Männer vorne, Frauen hinten. Die Sitze beiderseits des Ganges sind von altem Kaugummi bedeckt. Wir sehen uns um und tatsächlich, die Kinder hinter uns sind gerade dabei, ein frisches Stückchen von der klebrigen Masse hinzuzufügen.

Gemächlich füllt sich der Saal mit Menschen jedes Alters, während die vorne auf der kleinen Bühne gesammelten Musiker vorbereiten, Akkordeon, Geige und ein E-Klavier, das als eine Art Synth-Organon benutzt wird. Wir erkennen auch viele Gesichter aus der Nachbarschaft. Hinter den Musikern bedeckt die Wand ein großes Altargemälde: eine prächtige aussehende Gebirgslandschaft mit einem Wasserfall, über denen eine weiße Taube lächelnd fliegt, so als ob sie aus dem Bild herausfliegen möchte.

Die Pfingstler sind bekannt für die charismatischen Redner und leidenschaftlichen Prediger, in denen Menschen vom heiligen Geist durchdrungen umkippen, „halleluja“ und „amen“ rufen und spontan weinend über Erhellungserlebnisse berichten.

Davon ist etwas auch in Fântânele zu spüren. Der Dienst beginnt mit einem Synth-Comping, das an die 80er Jahre erinnert. Der Geiger, ein in Berlin wohnender 17-Jähriger begabter Rom schließt sich an, und der Sänger greift zum Mikrophon: was daraus folgt ist wie eine Mischung italienischer Balladen und türkischer Volksmusik. Alte bekannte Melodien und ein sehr warmer Klang. Die Melodien der Geige erinnern auch etwas an Jazzphrasen. Daraufhin wechseln sich flüssig Predigte und Gesang ab. Immer wieder treten neue Männer aus der ersten Bankreihe zum Pult um mit ihrem Teil der Veranstaltung beizutragen.

Manche Redner sind wirklich fesselnd. Mit ihren wellenartig im Raum schallenden Stimmen, von Akkordeon begleitet, berühren sie im innersten der Zuhörer tiefe Saiten. Obgleich ich den Inhalt der Reden bis auf einzelne Wörter und kurze Sprüche nicht verstehe, bin ich ebenso mitgerissen wie die weinenden Männer vor uns. Die meisten Frauen und Kinder hingegen scheinen emotional viel weniger beteiligt zu sein.

Da ich von der Rede wenig verstehe, versetzt die Situation mich in die Rolle der Kinder im Dorf. Wie unterschiedlich sind die Lebensverhältnisse der Kinder auf der Welt. Ich sehe vor uns zwei ältere Frauen in ihren 70ern, hinter uns höre ich zwei fünfjährige Kinder kichern – es ist ein Gefühl von „Fremdnostalgie“ – wie werden wohl die Kinder an das Leben im Dorf, an die Gottesdienste denken wenn sie 70 Jahre alt sind?

Von diesem Erlebnis animiert kehren wir zu den Anderen zurück, die inzwischen ein Lagerfeuer für den Abend angezündet haben.

Alles roger in Fântânele!

Nach dem Genuss des Frühstücks kratzen schon die Kinder am Tor. Die, denen es zu lange dauert, beschließen den Weg über die Mauer einzuschlagen und sich erstmal in einer kleinen Zeichenrunde warm zu fantasieren. Es werden Kaugummis als Dank gereicht. Der Filz der Stifte rast über weiße Blätter, auf denen bunte Häuser, Boote, Drachen, Autos und Versuche eines Helikopters erscheinen.

Fântânele
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„Tattoo! Tattoo!‘‘ Kreischen die Rüpel entzückt und strecken uns ihre Unterarme entgegen. Namen in Graffitischrift verzieren die dünnen Ärmchen, die nun glücklich die Mirabellen von den Bäumen zupfen.
Mehr, immer mehr Kinder hüpfen über Zäune oder rollen auf ihren Drahteseln durchs Tor.
Alex, der eines formidablen Englisch mächtig ist, beweist auch im Gestalten von Buchstaben sein Gespür für Formen.
Gut das wir vorgesorgt haben, wir packen Sprühdosen und Streichfarbe ein und probieren uns an einer kleinen Wand.
Mit Farbe an den Händen werden Babbo, Oma, Papa und auch alle anderen herbeigerufen, das Werk des elf Jährigen zu begutachten.

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Begeisterung. Erstaunen. Der Startschuss ist gefallen. Die Großmutter von Alex rüstet gerade ihr Heim auf, da macht sich bunte Farbe an der Fassade nicht schlecht. Wir wechseln die Straßenseite. Eifrig hilft auch der Kleinste mit. Viel zu große Farbeimer, Rucksack und Pinsel werden in den Garten gehievt. Wie aus dem Nichts stehen wir vor weiteren drei Wandbildern. Alle sind entzückt, der Opa klopft das Sofa im Garten ab und bittet uns Platz zu nehmen – Ohne Widerrede! Selbst die Hühner mischen sich unter die Schar und glucksen glücklich vor sich hin.

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Zeit eine Runde durchs Dorf zu cruisen, denn das Leben spielt sich hier auf der Straße ab. Ob schattensuchende, auf einer Bank sitzende, alte Herrschaften mit tiefen Falten im Gesicht und wenig Zähnen in der Gusche oder energiegeladene Jungsche, fast alle begrüßen einen herzlich. Auf Französisch, Deutsch, Italienisch, Spanisch oder Griechisch, von Sprachbarrieren gibt es keine Spur.
Mädchen tuscheln und gackern, Jungs winken uns „Wie geht’s, wie geht’se ?„ zu.
Gut geht’s uns, was sonst? Alles roger in Fântânele!
Wir fahren auch durch dünne Gassen, ein kurzer Blick von meinem Sattel über die Zaunlatten offenbaren mir zusammengeschusterte Schuppen welche viele ihr Zuhause nennen.
Auf der nächsten breiteren Straße thronen auch schon wieder Schloss-ähnliche Häuser.
Teppiche hängen über den Zäunen und werden fleißig vom Rasensprenger begossen.
Gegen neun fällt die Tür ins Schloß und wir lassen uns erschöpft und zufrieden auf die Bänke fallen.
Was für ein Tag! Beim lodernden Lagerfeuer tauschen wir unsere Erlebnisse aus, es sind zu viele Unterschiedliche um sie alle zu nennen.